Forum C

Forum C: Mischung und Dichte in der Arbeitswelt

Gastgeber: Prof. Dr. Eberhard von Einem, TU Berlin

Partner/Gäste: Prof. Dr. Ulf Matthiessen, Humbold Universität Berlin / Dr. Busso Grabow, Deutsches INstitut für Urbanistik / Dorothee Dubrau, Bürgermeisterin für Stadtentwicklung und Bau, Leipzig / Thorsten Thonndorf Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, Berlin

Im Zuge der Globalisierung, des internationalen Kapitaltransfers und des Off-Shoring verlieren die Städte West-Europas und Nordamerikas seit etwa 50 Jahren Fabriken der lohnintensiven Massenfertigung an die Schwellenländer (z.B. Textil, Werften, Rohstoffe). Diese Abwanderung der Industrie betrifft aber nicht alle Branchen und Betriebe gleichermaßen. An den Hochlohnstandorten verbleiben – abgesehen von Betrieben der regionalen Versorgung – Betriebe mit hoher Produktivität und Wertschöpfung pro Fläche (Qualitäts- und Präzisionsfertigungen, High Tech im frühen Stadium ihrer Produkt-Lebenszyklen, Sonder- und Kleinserienfertigungen nach Kundenwunsch, automatisierte Fertigungen, Industrie 4.0). Sie haben zwei Standortanforderungen gemeinsam: Sie benötigen einen regionalen Arbeitsmarkt mit bestens ausgebildeten Fachkräften und Hochschulabsolventen, die die Betriebe bevorzugt in großen Städten rekrutieren und sie vernetzen sich im Radius von 1 – 1 ½ Stunden mit Zulieferern und wissensintensiven Diensten; d.h. Industrie und Dienstleistungen wachsen auf regionaler Ebene zu komplexen Strukturen der betrieblichen Kooperation zusammen. Kleinräumliche Vernetzungen auf Quartiersebene sind dagegen eher selten.

In jüngster Zeit zeichnen sich weitere Trends ab: Zum einen verlieren viele Städte – dank zunehmendem e-commerce – allmählich auch ihre Rolle als Marktplätze des Handels. Zum anderen droht, dass Städte zunehmend der Erosion als Orte des Informationsaustauschs unterliegen, seitdem Daten und Informationen über Computer, Datenbanken, Smart-Phones und Internet in Bruchteilen einer Sekunde weltweit transferierbar sind. Die MegaCities der Schwellenländer holen auch auf diesen Gebieten auf und übernehmen mehr und mehr Fertigungen mittlerer Technologie und Dienstleistungen (3. Stufe der Globalisierung).

Damit ist die Frage aufgeworfen, ob gemischte gewerbliche Nutzungen in dichten städtischen Nachbarschaften künftig noch gebraucht werden. Verlieren die Städte nun auch diesen wesentlichen Teil ihrer angestammten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Funktion? Droht ein Szenario, in dem sich nach der Industriearbeit auch die unternehmensbezogenen Dienstleistungen räumlich entwurzeln, quasi ortlos werden? Dieser Diskurs gipfelt in der These, dass die harten Stadtortfaktoren an Bedeutung verlieren, während sich zugleich im Zuge der digitalen Revolution auch die Standortunterschiede der Wissensverarbeitung einebnen, weil Daten und Informationen ubiquitären Charakter annehmen. Dagegen wird in der Stadt- und Regionalforschung auch die Gegenthese vertreten, dass gemischt genutzte Städte weiterhin einzigartige Möglichkeiten wechselseitiger Information, der Anregung, für kreative Innovationen, Planung und Entscheidungen bieten.

Ein Forum des V. Hochschultags 2016 soll der Suche nach Antworten gewidmet sein, um sich im Dschungel der Pro- und Contra Argumente zurecht zu finden und zu klären, wie diese Inhalte in der universitären Lehre vermittelt werden können.

Zum Einstieg ist zu unterscheiden zwischen Daten, Informationen, Wissen und Kreativität. Daten und Informationen sind zweifellos digitalisierbar, auch Wissen ist teilweise digitalisierbar (z.B. Printmedien, Fotos, Datenbanken). Wissen besteht in der Regel aber aus einem Bündel mehrerer Wissenskomponenten, von denen nur ein Teil digitalisierbar ist, ein anderer Teil aber nicht, wobei sich die Grenzen laufend verschieben. Was heute noch nicht digitalisierbar ist, könnte es morgen sein.

Zu bedenken ist: Wissen im Sinne lexikalisch speicherbarer Bestände, muss immer noch individuell erlernt werden, oft unter persönlicher Anleitung eines Dozenten, Lehrers oder Mentors. Das nicht verbalisierbare tacit knowledge gar, ist (bisher) gar nicht digitalisierbar (z.B. handwerkliche Fertigkeiten, Routinen der Praxis, Orts-, Organisations- und Personenkenntnisse, Empathie, intuitives Wissen). Wissen umfasst mehr als Menschen mit Sprache, Schrift, Bilder oder digitale Zeichen auszudrücken in der Lage sind oder – verkürzt gesagt – was in Lexika, Gebrauchsanweisungen oder auf Bildschirmen nachzulesen ist.

Kreativität ist nicht nur in der Kunst relevant, sondern im breiteren Sinne auch für Innovationen jedweder Art, z.B.: beim Entdecken, Erkunden und Anwenden von Wissen auf zu lösende Probleme der Praxis, sei es in technischer, juristischen, finanzieller, sozialer, politischer oder in ökologischer Hinsicht. Kreativität setzt stets das originäre Abweichen von Standardlösungen sowie tradierten Denk- und Handlungsmustern, d.h. vom Herkömmlichen, voraus. Vor dem Hintergrund globaler Risiken und Chancen liegt die große Herausforderung des 21. Jahrhunderts darin, mit kreativer Phantasie und wechselseitiger Ermutigung unterschiedlichste Daten, Informationen und Wissensbausteinen zu bündeln, zusammen zu denken, jeweils situationsgerechte Neu-Kombinationen zu kreieren, Entscheidungen vorzubereiten und zur Anwendung zu bringen. Das sind (bisher noch) rein menschliche Geistesleistungen. Elektronische Medien können zwar helfen, Daten und Informationen bereitzustellen, die beim Erfinden, Planen und Entscheiden von Bedeutung sind, benötigt werden; je komplexer die zu bedenkenden Zusammenhänge aber sind, desto wichtiger wird reflexives Denken und umfassendes Abwägen, welche Lösungen Erfolg versprechen und welche nicht, welche Chancen ergriffen und welche Risiken wie vermieden werden können.

Wo ist der Ort, an dem das am besten gelingt? Informationsverarbeitung, Bündelung der Wissensbausteine und ihre Verarbeitung im Sinne kreativer Re-Kombinationen und der Neuschöpfung von Wissen und Innovationen gelingt am besten in großen Städten mit gemischten Nutzungen, mit persönlichen face-to-face Kontakten und pluralen, offenen städtischen Gesellschaften. Kreative Leistungen entstehen selten in Isolation, sondern setzen in der Regel die Zusammenarbeit in Teams, Reibung, Anregung und Ermutigung anderer voraus (kreative Milieus). In diesem Sinne profitiert die Freisetzung intellektueller, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Dynamiken von der räumlichen Nähe des dichten Nebeneinanders in Städten mit diversifizierten Kompetenzen.